Treffen des Geographischen Arbeitskreises *Entwicklungs*theorien (GA*E) von 20.-21.11.2025 am Geographischen Institut, Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Reflecting Difference: Engaging with Ethics, Values, and Responsibilities in Planetary Times
Der Geographische Arbeitskreis *Entwicklungs*theorien hat sich zum diesjährigen Thema gesetzt, eines der zentralen Diskussionsfelder in der Beschäftigung mit globalen Nord-Süd-Beziehungen in den Mittelpunkt zu stellen: wie denken wir über Differenzierungen in unserem Forschen und Lehren in Zeiten erhöhter Aufmerksamkeit gegenüber Fragen planetarer Verantwortung und vielschichtiger Werteverständnisse nach?
Als einer der ältesten Arbeitskreise des VGDH verschreibt sich der GAE seit seiner Gründung 1976 in Göttingen dem Anspruch, zugeschriebene Einteilungen der Welt kritisch zu hinterfragen und mithilfe theoriegeleiteter Forschung zu einem besseren Verständnis globaler Ungleichheiten beizutragen. Während Skepsis gegenüber dualistischen Nord-Süd-Betrachtungen, postkoloniale Kritik, sowie die unterschiedlichen Ausdrucksformen globaler Machtasymmetrien in Gesellschaft, Ökonomie, Politik und Wissenschaft seit langem zentraler Gegenstand der Reflexionen des GAE sind, machte sich das diesjährige Treffen zur Aufgabe, nochmals fokussierter auf die unserer Forschung inhärenten Werteverständnisse und damit verbundene ethische Reflexionsrahmen, Fragestellungen und Dilemmata in unseren empirischen Kontexten zu blicken. Gerade im Zusammenhang mit jüngeren Debatten um planetare Verantwortung ging es uns darum, das besondere Momentum der Verantwortung auf unterschiedlichen Maßstabsebenen in unserer Forschung zu diskutieren.
Am ersten Tag haben wir dank verschiedener Impulsvorträge (siehe Programm unten) Konzepte und Begrifflichkeiten (u.a. Post-Development, Ungleichheiten, Informalität) diskutiert, und wie sie jeweils für unterschiedliche Kontexte und Perspektiven als Rahmung für ethische und wertbezogene Fragen angemessen erscheinen. Den zweiten Tag hat Benedikt Korf mit einer Keynote eröffnet, die den jüngst unter US-Präsident Trump angeordneten massiven Rückbau von US-AID als Ausgangspunkt nahm, um tiefgreifende Fragen nach in der christlichen Tradition begründeten Verständnissen westlicher „Entwicklungshilfe“ und deren politischen Umsetzungen, Interpretationen bzw. vielfach zynischen Instrumentalisierungen aufzuwerfen. Daran anschließend haben die Teilnehmer:innen in bewährter Tradition des Arbeitskreises in drei Gruppen angeregt zu (1) epistemischen Herausforderungen und der Rolle von Differenzierungen, (2) ethischen Dilemmata und (3) Werten und Verantwortung nach der planetaren Wende diskutiert. Den Abschuss bildeten Vorträge, die sich mit der Sichtbarmachung kolonialgeschichtlicher Vergangenheit in geographischer Wissensproduktion (am Beispiel der Erinnerung an Carl Troll am GIUB in Bonn) und Herausforderungen von großen Forschungskollaborationen im Nord-Süd-Kontext im Forschungsalltag auseinandergesetzt haben.
Das AK-Treffen stand damit auch dieses Jahr wieder im Zeichen des traditionsgemäßen Innehaltens und Reflektierens eigener akademischer Gewohnheiten und epistemischer Praktiken. In der Abschlussdiskussion wurde ebenfalls erneut über den Titel des AKs diskutiert. Als ein Relikt aus dem Gründungskontext spiegelt er durch seinen konkreten Verweis auf klassische Entwicklungstheorien kaum noch wider, was die Teilnehmenden verbindet; gleichzeitig spielen Fragen globaler Macht-Asymmetrien, systemischer Ungleichheiten und epistemischer Ungerechtigkeiten mit einem Fokus auf den globalen Süden auch nach fast 50 Jahren weiterhin eine wichtige Rolle zum Verständnis sowohl globaler als auch planetarer Dynamiken. Indem wir die Denomination des AK durch ein Sternchen erweitern – also von GAE zu GA*E, soll das bewusste Innehalten und die kritische Auseinandersetzung mit Entwicklung als hegemonialem Instrument auch nach außen deutlicher kommuniziert werden und dazu einladen, an der Diskussion der unsere Forschung verbindenden Fragen in einer multipolaren Welt angesichts tiefgreifender planetarer Ungleichheiten teilzunehmen. Die hohe Internationalität der ca. 50 Teilnehmer:innen hat bestätigt, dass es sich um ein Netzwerktreffen handelt, das sich bemüht, in einem inklusiven und sicheren Raum komplexe Themen globaler Ungleichheiten und Unsicherheiten aus unterschiedlichen theoretischen Perspektiven zu diskutieren. Als transdisziplinäres Forum möchten wir gerne weitere Interessierte ermutigen, beim kommenden Arbeitskreistreffen 2026/27 hinzuzustoßen, das von Gerhard Rainer an der Universität Passau organisiert wird.
Für das Organisationsteam aus Mainz
Toni Adscheid, Veronika Cummings & Julia Verne
Programm GA*E 2025 in Mainz:
Reflecting Difference: Engaging with Ethics, Values, and Responsibilities in Planetary Times
THU 20 Nov 2025
| 15:00-15:30 | Arrival, Registration, Coffee & Tea |
| 15:30-15:45 | Welcome Note |
| 15:45-16.15 | Jörg Gertel (University Leipzig):
Beyond Development and Technoliberalism. Attacking Dignity in Unequal Worlds |
| 16:15-16.45 | Klaus Geiselhart (University Nürnberg-Erlangen):
How to do things with vocabularies. Is there a personal responsibility of geographers? |
| 16:45-17.15 | Coffee Break |
| 17:15-17:45 | Juliane Schumacher (University Würzburg):
Navigating the uneven geographies of climate knowledge |
| 17:45-18.15 | Maximilian Haße (University Trier):
Rethinking the Role of Informality in the Global North-South Divide through Spatial Planning in Germany |
| 18:15-18.45 | Carsten Butsch (University Bonn) & Veronika Cummings (University Mainz):
Pathway towards a geographical code of ethics |
| 19:15 | Dinner in Mainz „Stadtbalkon“ |
FRI 21 Nov 2025
| 8:45-10:15 | Keynote
Benedikt Korf (University Zürich): After Aid: Critique, Complicity, Cynicism |
| 10:15-10:30 | Coffee Break |
| 10:30-12:30 | Workshops
1. Epistemic challenges and the role of ‘differentiation’ (Moderation: Toni Adscheid, University Mainz)
2. Ethical dilemmas within our research (Moderation: Veronika Cummings, University Mainz)
3. Values and responsibilities after the planetary turn (Moderation: Miriam Wenner, University Freiburg) |
| 12:30-13:30 | Lunch |
| 13:30-14:30 | Plenary Discussion
Short Presentation of the Workshop Groups’ Wrap-Up |
| 14:30-15:00 | Coffee Break |
| 15:00-15:30 | Johannes Dittmann (University Bonn):
Reframing Disciplinary Memory: A Participatory Reckoning with Colonial Legacies in Development Geography |
| 15:30-16:00 | Julia Verne (University Mainz), Astrid Matejcek (University Mainz) & Johannes Dittmann (University Bonn):
Big projects, big results? Or how a collaborative research project across North-South divides resembles development cooperation |
| 16:00-16:30 | Conference Closing & Announcement of the next GA*E in 2026 |