Das jährliche Treffen des Arbeitskreises Naturgefahren und Naturrisiken der Deutschen Gesellschaft für Geographie (DGfG) fand am 28. und 29. April 2026 am Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IOER) in Dresden statt. Unter dem Titel „Resilience to Multi-Risk“ widmete sich die Veranstaltung aktuellen Herausforderungen im Umgang mit multiplen Risiken, insbesondere im Kontext des Klimawandels. Mit rund 50 Teilnehmenden aus verschiedenen Ländern spiegelte das Treffen eine zunehmende Internationalisierung des Arbeitskreises wider. Begleitend zur Veranstaltung wurde ein Book of Abstracts veröffentlicht, das die thematische Breite der Beiträge dokumentiert (https://doi.org/10.5281/zenodo.20023269).
Den Auftakt bildete eine Keynote von Jakob Zscheischler (UFZ/TU Dresden) zu Compound Weather and Climate Risks. Er unterstrich die Bedeutung kombinierter klimatischer Ereignisse für die Risikoanalyse und hob insbesondere die Rolle physischer Prozesse und deren Wechselwirkungen hervor. Zugleich wurde deutlich, dass ein umfassendes Verständnis von Risiko im Sinne integrierter Ansätze eine stärkere Berücksichtigung von Vulnerabilität und Exposition erfordert. Dies unterstreicht die Notwendigkeit einer engeren interdisziplinären Verzahnung zwischen natur- und sozialwissenschaftlichen Perspektiven. Ergänzt wurde dies durch einen praxisorientierten Beitrag zur Erstellung der Klimaanpassungsstrategie des Freistaats Sachsen von Florian Kerl (Sächsisches Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und
Geologie, LfULG). Er gab Einblicke in aktuelle Herausforderungen bei der Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse in politische Entscheidungsprozesse.
Im weiteren Verlauf des ersten Tages wurden internationale Perspektiven auf Multi-Risiken diskutiert. Die Beiträge verdeutlichten insgesamt die zunehmende Hinwendung zu systemischen Ansätzen, etwa durch die Betrachtung von Kaskadeneffekten, lokalen Kontextbedingungen oder sektorübergreifenden Wechselwirkungen. Gleichzeitig zeigte sich, dass viele dieser Ansätze vor allem konzeptionell oder qualitativ ausgearbeitet sind und quantifizierbare Modelle sowie praktische Anwendungen wichtige nächste Schritte darstellen. Auch Fragen der langfristigen Finanzierung und Instandhaltung von Schutzmaßnahmen wurden als zentrale Herausforderungen hervorgehoben.
Eine interaktive Postersession sowie thematische Sitzungen zu Einzelgefahren, methodischen Entwicklungen und datenbasierten Ansätzen ergänzten das Programm. Dabei reichten die Beiträge von naturbasierten Lösungen über Multi-Hazard-Modellierungen bis hin zur Anwendung innovativer Datengrundlagen wie Mobilfunkdaten. Insgesamt wurde deutlich, dass integrative Ansätze zur Analyse von Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Gefahren und Prozessen zwar zunehmend diskutiert, jedoch bislang nur in begrenztem Umfang empirisch umgesetzt werden.
Der zweite Tag vertiefte insbesondere methodische und konzeptionelle Fragestellungen. In den Beiträgen wurde erneut sichtbar, dass Multi-Risiken in der Forschungslandschaft zunehmend an Bedeutung gewinnen, die Übertragung in die Praxis jedoch weiterhin hinterherhinkt. Gleichzeitig bestehen weiterhin Herausforderungen bei der Vergleichbarkeit theoretischer Ansätze sowie bei der Integration quantitativer und qualitativer Methoden.
In der abschließenden Sitzung zu Perspektiven für Forschung, Lehre, Politik und Planung wurden zentrale Erkenntnisse gebündelt. Ein wiederkehrendes Thema war die unzureichende theoretische Fundierung vieler Studien. Bestehende theoretische Ansätze sind dabei häufig stark auf individuelle Akteure ausgerichtet, während gesellschaftliche Zusammenhänge und soziale Dynamiken, die im Kontext von Naturgefahren eine zentrale Rolle spielen, bislang weniger systematisch berücksichtigt
werden. Gleichzeitig wurde ein Bedarf nach stärker integrierenden Konzepten formuliert, die sowohl physische Prozesse als auch gesellschaftliche Dynamiken angemessen verbinden. Darüber hinaus wurde die Notwendigkeit betont, Naturgefahren stärker in langfristige Entwicklungen einzubetten und von der Betrachtung einzelner Ereignisse hin zu Entwicklungspfaden („trajectories“) überzugehen. In diesem Zusammenhang wurden auch Fragen nach den Grenzen von Anpassung diskutiert.
Weitere Diskussionspunkte betrafen methodische Herausforderungen, insbesondere die bislang unzureichende Messbarkeit von Vulnerabilität und Resilienz sowie die
Schwierigkeiten bei der Modellierung komplexer, gekoppelter Systeme. Auch die Rolle von Künstlicher Intelligenz wurde kritisch diskutiert: Während ihr Potenzial anerkannt wurde, erscheint die Komplexität von Risiko- und Resilienzsystemen derzeit nur begrenzt algorithmisch erfassbar.
Neben wissenschaftlichen Fragen wurden auch Implikationen für Praxis und Lehre adressiert. Hervorgehoben wurde die Bedeutung von Bildungsformaten, die fragmentierte Ansätze überwinden und stärker transdisziplinäre Kompetenzen fördern. Gleichzeitig wurde auf gesellschaftliche Rahmenbedingungen hingewiesen, welche die Umsetzung von Anpassungsmaßnahmen beeinflussen, etwa politische Polarisierung oder unterschiedliche Wahrnehmungen von Risiken.
Abschließend fand eine geführte Exkursion entlang des Hochwasser-Lehrpfads in Dresden statt, bei der Maßnahmen des technischen und nicht-technischen Hochwasserschutzes sowie deren Einbettung in urbane Räume und gesellschaftliche Wahrnehmungen diskutiert wurden. Die Exkursion bot eine anschauliche Ergänzung
zu den zuvor behandelten Themen und verdeutlichte die Herausforderungen und Möglichkeiten der praktischen Umsetzung von Risikomanagementstrategien.
Insgesamt zeigte das Treffen, dass die Forschung zu Multi-Risiken konzeptionell und methodisch große Fortschritte gemacht hat, gleichzeitig jedoch weiterhin erhebliche
Herausforderungen in der theoretischen Fundierung, methodischen Integration und praktischen Umsetzung bestehen. Die Diskussionen unterstrichen die Notwendigkeit,
bestehende Ansätze weiterzuentwickeln und stärker miteinander zu verknüpfen.
Das Arbeitskreistreffen wurde von einem Team des Leibniz-Instituts für ökologische Raumentwicklung (IÖR) organisiert. Der Arbeitskreis dankt den lokalen Organisatorinnen und Organisatoren herzlich für die gelungene Durchführung der Veranstaltung.
Im Rahmen des Treffens wurde zudem die Weiterentwicklung des Arbeitskreises diskutiert. Neben einer wachsenden Zahl neuer Mitglieder wurde ein neuer englischsprachiger Webauftritt vorgestellt, der die Sichtbarkeit und Vernetzung des Arbeitskreises weiter stärken soll (https://www.ak-naturgefahren.eu/). Darüber hinaus
wurde eine Erweiterung des Namens beschlossen: Künftig firmiert der Arbeitskreis unter „AK Naturgefahren, Risiken und Resilienz“ und trägt damit der stärkeren inhaltlichen Gewichtung von Resilienz Rechnung. Gleichzeitig wird der Arbeitskreis nun auch offiziell unter einer englischen Bezeichnung („Working Group Natural Hazards, Risk, and Resilience“) geführt, was die zunehmende internationale Ausrichtung widerspiegelt. Begleitend dazu wurde ein neues Logo gestaltet, das die inhaltliche und organisatorische Weiterentwicklung des Arbeitskreises visuell aufgreift.
Das nächste Treffen des Arbeitskreises findet im Rahmen des Deutschen Kongresses für Geographie vom 13.-17. September 2027 in Bonn statt. Zugleich begehen wir dort das 30-jährige Jubiläum des AKs. Wir laden alle Mitglieder und Interessierten herzlich ein, sich den Kongresszeitraum vorzumerken und mit uns dieses besondere Ereignis zu feiern. Weitere Informationen zu Termin, Ort und Programm folgen rechtzeitig über die Kommunikationskanäle des Arbeitskreises sowie die Ankündigungen des DKG 2027.
Für den Arbeitskreis
Andreas Mayer, Alexandra Titz, Emlyn Yang
Für das lokale Organisationsteam
Marco Neubert, Gérard Hutter, Regine Ortlepp
Die Teilnehmenden des Workshops „Resilience to Multi-Risk“ am Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR), Foto: Victor Smolinski (https://victorsmolinski.de)

Carsten Grunewald (Mitte, IÖR) erklärt den Teilnehmenden Details zum Hochwasser 2002 auf dem Dresdner Hochwasser-Lehrpfad, Foto: Victor Smolinski (https://victorsmolinski.de)
