Bericht zur 10. Jahrestagung des AK Qualitative Methoden in der Geographie und der raumsensiblen Sozial- und Kulturforschung zum Thema „Mit wem forschen wir?“, 09.-10. März 2026 in Goslar
Vom 09. bis 10. März 2026 fand die 10. Jahrestagung des Arbeitskreises Qualitative Methoden zum Thema „Mit wem forschen wir?“ in Goslar statt. Qualitative Forschung in der Geographie bedeutet häufig, mit Menschen und über Menschen zu forschen. Die damit verbundenen Herausforderungen, Beziehungen und Erfahrungen haben wir bei der diesjährigen Jahrestagung in den Mittelpunkt gestellt. In diversen Beiträgen haben sich raumsensible Forscher:innen mit den Rollen und Bedeutungen von Forschungsteilnehmenden in und für qualitative Forschungsprozesse auseinandergesetzt. Dabei wurden insbesondere Themen wie Machtbeziehungen und -hierarchien, Emotionen, Positionalitäten und Privilegien, Selbst- und Fremdwahrnehmungen sowie Fragen nach Nähe und Distanz, dem Zugang zum „Feld“ sowie Vertrauen und Sicherheit in den Fokus gerückt.
Im Rahmen thematischer Schwerpunktsitzungen wurden methodische Zugänge hinsichtlich ihrer verschiedenen Bedeutungen und Implikationen für die Frage „Mit wem forschen wir?“ diskutiert.
Yannick Noah Layer stellt mit seinem Vortrag die Frage „Wie zeigen wir wen?“ und präsentierte seine Auseinandersetzungen mit audiovisueller Wissenschaftskommunikation. Anhand eines eigenen Films diskutierte er unter anderem die Potentiale der Sichtbarmachung von Forschungsteilnehmenden. Auch Johanna Niesens Vortrag reflektierte Sichtbarkeiten und Unsichtbarkeiten. In ihrer Forschung untersucht sie, wie Sorgebeziehungen zwischenmenschlich und mit Stadtraum verflochten sind und berichtete, wie sie dafür teilnehmende Beobachtungen mit dokumentarischer Fotografie verbindet.
Sina Steele und Heike Marquart setzten in ihrem Vortrag Herausforderung bei der (Co-)Forschung mit Kindern in den Mittelpunkt. Sie reflektierten unter anderen die Wahrnehmung solcher Forschung durch Akteur:innen in Stadtentwicklung und -politik somit die daraus resultierenden Möglichkeiten und Grenzen der Einflussnahme auf den Stadtraum. Aylin Akyildiz adressierte ebenfalls das Forschen mit Kindern und Jugendlichen. Im Rahmen ihrer Forschung zu Wohnbedürfnissen von Kindern und Jugendlichen setzte sie in ihrem Vortrag den Schwerpunkt auf Fragen der Ethik und Positionalität bei der Forschung mit diesen Gruppen. Ähnliche Fragen griff Dominique Kauer auf, die die mobile Methode des Shadowing im Rahmen von Forschung zu Altenpflegekräften vorstellte und dabei insbesondere Gefühle des Unwohlseins sowie das „in den Weg Geraten“ ethnographischer Forschung diskutierte. Anna Schellroth präsentierte die Methode des Cuerpo Territorio, bei der im Rahmen eines Workshops mit trans* Personen gelebte und verkörperte Erfahrungen von Zugehörigkeit in alltäglichen Räumen kartiert wurden. Bei dieser Aktionsforschung standen neben dem methodischen Erkenntnisinteresse auch die Möglichkeit des Austauschs, der Vernetzung und des Empowerments der Teilnehmenden im Mittelpunkt.
In drei weiteren Vorträgen wurde das Forschen mit, in und über Institutionen und Organisationen adressiert. Mara Linden berichtete aus ihrer Forschung im Auswärtigen Amt und den Herausforderungen des Studying Up. Hierbei setzte sie einen Schwerpunkt auf die Diskussion von dabei involvierten Postionalitäten – eigenen und denen von Forschungsteilnehmenden. Auch Anna-Maria Grabowski thematisierte Positionalität in ihrer Forschung zu sri-lankischen Augenbanken, in der Machtdynamiken und Fragen ethischer Reflexivität sowie Aushandlungsprozesse von Gegenseitigkeit eine zentrale Rolle spielen. Martha Helene Preusker untersucht in ihrer Forschung die Rolle nicht-staatlicher Akteure in der Externalisierung von EU-Grenzschutz im westlichen Balkan. Auch sie adressierte Machtgefälle als eine wesentliche Herausforderung ihres methodischen Zugangs.
Weitere drei Beiträge nahmen in den Blick, wie soziale Beziehungen, Rollenverständnisse und Machtverhältnisse Forschungsprozesse strukturieren und welche Konsequenzen sich daraus für methodisches Handeln und ethische Verantwortung ergeben. Anja Mutschler ging Fragen normativer Nähe und Distanz sowie den Herausforderungen community-basierter Feldforschung nach und betonte die Bedeutung klarer Rollenverteilungen und eines aktiven Erwartungsmanagements. Lena Greinke analysierte Rollen und Machtbeziehungen in qualitativen Interviews und diskutierte die Un/Möglichkeiten neutraler Empathie und schützender Distanz sowie die Grenzen ethischer Verantwortung. Mustafa Obaid widmete sich räumlichen Vielfaltsstrukturen in der Stadt und erörterte Ansätze zur Erfassung kultureller Kapazitäten städtischer Gesellschaften anhand von Bagdad, Irak.
Neben Beiträgen zum Schwerpunktthema konnten auch freie Themen eingereicht werden, um die Debatte zu erweitern und Forschungsergebnisse ebenso wie methodische und methodologische Überlegungen abseits des Tagungsthemas vorzustellen. Anna-Barbara Heindl ging der Frage nach, wie mit qualitativen Daten geforscht werden kann, die „zu einem kommen“, und wie unaufgeforderte Daten in Forschungsprozesse integriert werden können. Caroline Rozynek gab Einblicke in die methodische Erfassbarkeit von Mobilitätspraktiken von Menschen ohne Führerschein. Alina Holz stellte methodologische Reflexionen zur Analyse digitaler Klimakommunikation vor und präsentierte ihren qualitativ-multimethodischen Ansatz. Victoria Greta Luxen beleuchtete Chancen und Herausforderungen qualitativer Datenerhebungen auf Fachmessen, Kongressen und Branchentreffen.
Nicht zuletzt bestand in praxisnahen Workshops die Möglichkeit, eigenes Material in der Gruppe zu analysieren und zu besprechen. Marie Duchêne beschäftigte sich mit den Klang von Tierstimmenarchiven und reflektierte deren Erforschung im Sinne der Sonic Geographies. Emma Luna Brahm diskutierte Fragen der Positionalität, Nähe und Befangenheit in der Forschung zu erinnerungskulturellen Solidaritätsnetzwerken. Marc David Ludwig stellte Überlegungen zu räumlichen Zusammenhängen von Haltungen politischen Handelns im Gemeinwesen tätiger Fachkräfte vor. Johanna Richter testete im Rahmen ihres Workshops die Methode der Transformative Silence, die in ihrer Forschung zu Planer:innen aus der öffentlichen Verwaltung zum Einsatz kommen soll. Sophie Krone besprach Aspekte des Forschens im eigenen Projekt, wobei sie auf ethnographische Herausforderungen von Nähe und Distanz sowie der Doppelrolle von Forschenden einging. Janek Becker fokussierte das Forschen in marginalisierten Kontexten und organisierte eine Feedbackrunde zur methodischen Vorbereitung seiner Studie zu Freizeitpraktiken in Recife, Brasilien. Friederike Asche diskutierte die Rolle vulnerabler Forschungsteilnehmender in qualitativen transdisziplinären Raumforschungsprozessen.
Darüber hinaus fand die jährliche Mitgliederversammlung des Arbeitskreises statt. Im Zuge dessen wurden Themen für die zukünftige Arbeit des AK besprochen und die Vorbereitung der 11. Jahrestagung 2027 begonnen. Abgeschlossen wurde die Mitgliederversammlung mit der Wahl des Sprecherinnen-Teams. Nora Küttel und Melike Peterson freuen sich, ein weiteres Jahr als AK-Sprecherinnen zu fungieren.
Die 10. Jahrestagung des AK Qualitative Methoden zeigte, wie zentral die reflexive Auseinandersetzung mit Forschungsteilnehmenden für qualitative geographische Forschung ist und wie vielfältig die damit verbundenen methodischen, ethischen und epistemologischen Herausforderungen ausfallen. Die zahlreichen Beiträge verdeutlichen, dass Fragen nach Machtverhältnissen, Nähe und Distanz sowie Verantwortung und Repräsentation nicht nur einzelne Phasen des Forschungsprozesses betreffen, sondern diesen grundlegend durchziehen und daher aktiv gestaltet werden müssen.
Die nächste Jahrestagung findet vom 22.-23. Februar 2027 in Goslar statt. Der Call for Papers hierfür wird im Spätsommer veröffentlicht.