Tagungsankündigung und Call for Papers
Entgrenzung von Bildung
Arbeitskreis Bildungsgeographie und Institut für Geographie und Geoökologie (KIT) am 22./23. April 2027 in Karlsruhe
International Baccalaureate, European Degree oder ein Bachelor von Aldi – Entgrenzung von Bildung beschreibt, dass traditionell bestehende Grenzen in räumlicher, zeitlicher und institutioneller Hinsicht längst überschritten oder sogar aufgelöst sind. Bildung findet heute nicht mehr ausschließlich in Schulen oder Hochschulen statt, sondern wird als lebenslanger, stärker individualisierter Prozess verstanden, der, sei es institutionell oder informell, in unterschiedlichen geographischen Zusammenhängen, teils auch in digitalen Räumen, an verschiedenen Orten unabhängig von nationalen Grenzen stattfindet.
Räumlich(-institutionell)e Entgrenzung
Während Bildung traditionell räumlich an formale Institutionen wie Schulen oder Universitäten gebunden war, gewinnen non-formale und informelle Bildungsprozesse und Bildungsorte zunehmend an Bedeutung. Diese drücken sich unter anderem geographisch im Konzept der lokalen Bildungslandschaften aus. Hinzu kommt, dass digitale Medien eine raumzeitliche Entgrenzung des Lernens ermöglichen: während Videokonferenztools wie Zoom oder Teams primär zur Überbrückung von räumlichen Distanzen eingesetzt werden, so ermöglichen MOOCs, AI und soziale Medien darüber hinaus eine zeitliche Entgrenzung durch asynchrone Lehr- und Lernprozesse.
Zeitlich(-institutionell)e Entgrenzung
Die Entgrenzung findet auch entlang der Achse der Temporalität statt: So werden Übergänge zwischen Institutionen unterschiedlicher Bildungsstufen – beispielsweise vom Kindergarten in die Grundschule – weicher gestaltet und gleichzeitig Bildung als kontinuierlicher lebensbegleitender Prozess begriffen. Während sich ein klassisches Bildungsverständnis vor allem auf die Schul- und Hochschulzeit bzw. die Ausbildungszeiten in Kindheit und Jugend bezieht, wird Bildung inzwischen gemeinhin als lebenslanger individueller Lernprozess verstanden, dessen primäres Ziel die Anpassung an eine sich durch technische und ökonomische Veränderungen ständig wandelnde Arbeitswelt angesehen werden kann.
Entgrenzung von Bildung als staatlicher Aufgabe
Damit einher geht eine voranschreitende Privatisierung von Bildungsangeboten, welche nicht nur Schulen und Universitäten in privater Trägerschaft betrifft, sondern zum Beispiel auch die Gestaltung dualer Studiengänge mit Bachelorabschlüssen. Durch den Trend zur Ökonomisierung und Individualisierung besteht unter anderem die Gefahr, dass staatliche Bildungsinstitutionen ihre Aufgabe als Orientierungsinstanzen gesellschaftlicher Normen und Werte – wie den Abbau von sozialen Ungleichheiten und den Umgang mit technologischen Entwicklungen – verlieren. Dies könnte zur Folge haben, dass Bildung weniger als ein gesellschaftliches Integrationsprojekt mit dem Ziel gleicher Teilhabechancen für alle dient, als vielmehr zu einem individualisierten Selbstoptimierungsprojekt mit dem Ziel wirtschaftlicher Verwertbarkeit wird.
Thematisches Spektrum der Vorträge und Diskussionen
Im Rahmen der Tagung möchten wir die vielfältigen Prozesse der Entgrenzung von Bildung aus verschiedenen Perspektiven diskutieren. Wir freuen uns sowohl über theoretisch-konzeptionelle als auch über empirisch-methodische Beiträge, die sich auf folgende Punkte beziehen oder neue Themenfelder eröffnen:
- Bildungseinrichtungen und ihre Standorte:
Welche Formen der Entgrenzung lassen sich an konkreten Bildungsstandorten und Bildungseinrichtungen beobachten? Welche Grenzen werden aufgelöst, welche neuen Grenzziehungen können entstehen, beispielsweise durch kommunale Bildungslandschaften?
- Bildungsbeteiligung, Bildungserfolg und soziale Ungleichheiten:
Wie verändern sich Bildungsbeteiligung und Bildungserfolg im Hinblick auf Chancengleichheit bzw. soziale Ungleichheiten? Und welche Rolle spielt dabei die zunehmende raumzeitliche Entgrenzung formaler Bildungsprozesse?
- Bildung und politische Räume:
Wie werden die Grenzen von Schulbezirken verändert? Wie verschieben sich Zuständigkeiten zwischen den verschiedenen administrativen Ebenen (national, regional, kommunal, lokal sowie zwischen und innerhalb von Bildungsinstitutionen)? Wie verändern sich Schulwege und Erreichbarkeiten?
- Bildung und Entwicklung:
In welcher Weise wirkt sich die räumliche Entgrenzung von Bildung auf globale Ungleichheiten aus? Wie werden die Verhältnisse zwischen lokalen bzw. regionalen und (oft als hegemonial angesehenen) westlich geprägten Wissensbeständen in Bildungsinstitutionen des globalen Südens ausgehandelt?
- Bildung und Migration:
Welche Verbindungen zwischen Bildung und Migration bestehen und verändern sich im globalen Rahmen, aber auch innerhalb Europas? Wie wirken sich neue Grenzregime auf Migrationsbewegungen von Hochqualifizierten im Vergleich zu weniger privilegierten Individuen und Gruppen aus?
- Bildung und Ökonomie:
Welche Auswirkungen haben schulische Segregation und Schulschließungen im Hinblick auf die Privatisierung von Bildungseinrichtungen? Welche privaten Bildungsangebote – insbesondere im Bereich der dualen Studiengänge – sind in den letzten Jahren entstanden und wie positionieren sich diese auf dem neuen Hochschulmarkt?
Einreichung von Beiträgen
Ihre Vorschläge für Vorträge (ca. 20 Minuten) oder andere Formate senden Sie bitte in Form eines deutsch- oder englischsprachigen Abstracts (ca. 300 Wörter) bis zum 15. November 2026 per E-Mail an: bildungsgeo2027@ifgg.kit.edu
Organisatorische Hinweise
Die Tagung des AK Bildungsgeographie wird am 22./23. April 2027 in Karlsruhe stattfinden. Das Tagungsprogramm und Informationen zur Anmeldung werden voraussichtlich bis Ende Januar 2027 veröffentlicht. Eine Tagungsgebühr wird nicht erhoben, sondern lediglich eine Verpflegungspauschale in Höhe von ca. 30 Euro.
Kontakt: bildungsgeo2027@ifgg.kit.edu
Organisation: Caroline Kramer (vor Ort) mit Tim Freytag und Holger Jahnke (AK Bildungsgeographie)