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Call for Papers: “Bausteine einer phänomenologischen Geographie: Erleben – Erfahrung – Ausdruck”

Raum gehört zu den Grundbedingungen menschlicher Existenz. Dennoch ist eine genuin phänomenologische Auseinandersetzung mit Raum, Ort und Räumlichkeit – nicht zuletzt im systematisierenden, theoriearchitektonischen und begriffsexplikativen Sinne – in der gegenwärtigen Humangeographie vergleichsweise wenig präsent. Während die letzten drei Jahrzehnte wesentlich durch konstruktivistische, diskurstheoretische und praxeologische Perspektiven geprägt wurden, geriet die komplexe Frage, wie und wem Raum/Ort überhaupt originär erscheint, wie er in den zahlreichen Akten/Registern des Leiblich-Sinnlichen, Affektiv-Emotionalen sowie Kognitiv-Volitiven und Praktisch-Handelnden erfahren wird, aus dem Blick. Eine phänomenologisch orientierte Geographie macht sich zur Aufgabe, diese erfahrungstheoretische Leerstelle systematisch und analytisch zu bearbeiten.

Der geplante programmatische Sammelband „Bausteine einer phänomenologischen Geographie: Erleben – Erfahrung – Ausdruck“, der 2028 in der Reihe „Erdkundliches Wissen“ (Franz Steiner Verlag, Stuttgart) erscheinen soll, möchte Fragen nach den Bedingungen, Prinzipien und Analysemöglichkeiten räumlichen Erlebens und Erfahrens sowie nach den damit korrespondierenden Ausdrucksformen ins Zentrum geographischen Denkens rücken. Ausgangspunkt ist ein Verständnis von Raum, wie er in der menschlichen – psychischen, sozialen, kulturellen – Erfahrung als Phänomen erscheint bzw. wirksam wird. Menschliche Raumerfahrung hat es sowohl mit Natur bzw. Materialität (Raum als messbarer, physisch-materieller Raum) als auch mit Konstruktionen (Raum als soziales Konstrukt oder Produkt) und mit Sprache (Raum als symbolisch-diskursive Ordnung) zu tun. Phänomenologie konkurriert nicht mit diesen Raumbegriffen, sondern fragt, wie Raum in all diesen Hinsichten erfahren wird.

Raum als Phänomen erscheint insofern als mehrdimensionale, in sich bewegte Erfahrungsstruktur, als Deklination und Kontinuum von menschlichen Bezugnahmen und den darin „erscheinenden“ Raumqualitäten. So wird der gedachte und imaginierte Raum genauso zum legitimen Thema wie der gefühlte, hergestellte oder der „gewollte“ Raum. Der Mensch erfährt Raum demnach durch verschiedene Bezugnahmen im lebendigen Vollzug, die ineinander übergehen bzw. umschlagen können. Weite und Enge, Nähe und Ferne, Verfügbarkeit und Unverfügbarkeit, Offenheit und Geschlossenheit, Persistenz und Wandlung, Aneignung und Verlust, Atmosphäre, Fremdheit/Entfremdung und Vertrautheit sind kategoriale Beschreibungsbeispiele leiblich-sinnlich, aber auch biographisch erfahrener Raumphänomenalität. In Raum- und Ortserfahrungen vollzieht sich menschliches In-der-Welt-Sein. Die Leib- und Körpergebundenheit menschlicher Existenz bildet dabei einen grundlegenden, unhintergehbaren Horizont jeglicher räumlichen Erfahrung.

Geographie(n) behutsam zu phänomenologisieren bedeutet, arbeitsteilig darüber nachzudenken, welche Verbindungslinien eine phänomenologisch orientierte Geographie zu anderen Wissenschafts-, Kultur-, Sozial-, Gesellschafts- und insbesondere Raumtheorien besitzt und/oder möglicherweise aufbauen kann. Phänomenologische Geographie ist insofern dialogisch und streitbar ausgerichtet. Sie bietet die Möglichkeit an, immer wieder hic et nunc bei der menschlichen (Raum-)Erfahrung anzusetzen und sich von ihr korrigieren zu lassen. Durch diese formal-wesentliche Offenheit und Systemlosigkeit ist phänomenologisches Forschen an viele Episteme und Denkstile, Forschungsprogramme und -paradigmen anschließbar, wenn man anerkennt, dass auch der „gedachte Gedanke“, das „gezeichnete Zeichen“, die „konstruierte Konstruktion“, das „gemessene Maß“ sich potenziell/konkret zeitigende und räumlichende Erscheinungen sind. Voraussetzung hierfür ist die Bereitschaft, in sachorientierte, präzise Theoriegespräche zu kommen und auszuloten, wo und wie sich ein Fortschritt in der theoretischen Humangeographie konstituieren kann. In Zeiten der Krise liberaler Gesellschaften und eines anscheinend um sich greifenden Nihilismus bietet die phänomenologische Besinnung letztlich eine Bejahung und Verteidigung menschlicher Wahrnehmung, Wertnehmung, Positionalität und Lebendigkeit.

Der Band möchte unterschiedliche Traditionslinien und Provenienzen phänomenologischen Denkens für die Geographie erschließen und miteinander in Dialog bringen. Hierzu zählen insbesondere die deutsche und französische Phänomenologie, aber auch die Gedanken der geographischen Ökumene der internationalen phänomenologischen Bewegung überhaupt. Ebenso willkommen sind Anschlüsse an die humanistic geography, Atmosphärenforschung, Architektur-, Stadt- und Regionalforschung, Umweltphänomenologie oder neuere Ansätze einer kritischen Phänomenologie sowie Postphänomenologie. Gesucht werden sowohl theoretisch-konzeptionelle als auch empirisch fundierte Beiträge, die das Potenzial phänomenologischen Denkens für geographische Fragestellungen ausloten.

Wir laden herzlich ein, den Band mit Beiträgen aus Geographie, Sozial-, Kultur- und Geisteswissenschaften zu bereichern, und freuen uns über Beitragsvorschläge in deutscher oder englischer Sprache (max. 300 Wörter) bis zum 30.04.2027 an info@ak-raumphaenomenologie.de.

Die Einreichung angenommener Beiträge soll bis September 2027, die Rückmeldungen zu den Beiträgen bis Dezember 2027 und die Überarbeitung bis Ende Februar 2028 erfolgen. Der geplante Publikationstermin ist Mitte 2028.

Die Herausgeber: Eberhard Rothfuß (Bayreuth), Thomas Dörfler (Jena), Serge Middendorf (Augsburg), Lukas Pieroth (Koblenz)

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