Call for Papers: Energie – Wissen – Raum
Jahrestagung AK Geographische Energieforschung 2026
23. – 25.09.2026, Universität Wien
Energie, Wissen und Raum sind in gesellschaftlichen Aushandlungen der Gegenwart und Zukunft von Energiesystemen eng miteinander verflochten. Das Wissen über energiebezogene Kontexte, Praktiken, Prozesse oder Technologien ist dabei sowohl zeitlich und räumlich spezifisch (Knox-Hayes 2025) als auch plural (Delina & Sovacool 2018), und zugleich stark geprägt durch die verfestigten Entwicklungspfade der Vergangenheit (Bridge & Gailing 2020; Trippl et al 2026; Van Veelen & Kuchler 2026). Energiebezogenes Wissen ist damit weder neutral noch universal, sondern konfliktreich und letztendlich zentral in der (Re)Produktion von lokalen und globalen Ungleichheiten wie beispielsweise beim Zugang zu Ressourcen, Technologien und Kapital (z.B. Kuzemko et al. 2024; Naumann et al. 2025). Für die Gestaltung sozial und ökologisch nachhaltiger Energiesysteme ist die Auseinandersetzung mit Wissen in seinen verschiedenen Formen und Übertragungsprozessen daher entscheidend und zumindest implizit vielfach Teil energiegeographischer Arbeiten. Die Humangeographie verfügt hierbei über ein ausgeprägtes theoretisches und begriffliches Vokabular zum Verhältnis von Wissen und Raum, etwa zu räumlichen Macht-Wissen-Komplexen oder zum Zusammenhang von Wissen und Materialität.
Im Fokus energiegeographischer Forschung steht gegenwärtig insbesondere die Untersuchung von lokalem und situiertem Wissen, beispielsweise in Diskussionen zu Energiegerechtigkeit (vgl. Baasch 2023) oder Energiedemokratie (vgl. Becker & Naumann 2017). Demgegenüber kommt Expert:innenwissen und (technischen) Innovationsprozessen (wie etwa diskutiert in Felt 2025) bislang vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit zu. Wie machtvoll die Produktion von Expert:innenwissen ist, zeigt sich jedoch in gegenwärtigen Energiewenden, die, u.a. verschleiert durch die wissenschaftliche Erzählung der Wende, erneuerbare Energietechnologien lediglich zum Kapazitätsausbau neben Öl- und Gasinfrastruktur positionieren (vgl. Fressoz 2024). Diese Entwicklungslogiken werden unter anderem durch die Autorität von technokratischem Wissen und Methoden wie etwa Produktlebenszyklusanalysen (LCA) oder Materialflussanalysen (MFA) getragen, die dazu herangezogen werden, kontinuierliches Wachstum durch vergangene Materialströme zu legitimieren. Expert:innenwissen zur Energiewende ist hier maßgeblich daran beteiligt, kapitalintensive und großflächige Energieinfrastrukturen zu reproduzieren, die sich am Primat industrieller Produktion orientieren (Werner 2019). Darüber hinaus prägt energiebezogenes Expert:innenwissen zunehmend auch geopolitische Strategien rund um grünen Extraktivismus kritischer und strategischer Rohstoffe (Hitch & Barakos 2026).
Bei der Jahrestagung möchten wir daher insbesondere die Rolle von Wissen – analog zur Energie selbst – entlang von Produktion, Übertragung und Anwendung diskutieren:
- In Bezug auf die Produktionskontexte von Wissen stehen dabei lokale Konfiguration von Akteuer:innen und Interessen, aber auch vorhandene Infrastrukturen und Pfadabhängigkeiten im Vordergrund (Trippl et al. 2026), die sowohl zu spezifischen Deutungen und Lösungsstrategien (z.B. Fokus auf grünen Wasserstoff, siehe Dietz et al 2025) führen als auch zur konkreten Definition von Komponenten in Forschung und Entwicklung (z.B. Priorisierung bestimmter Rohstoffe, Speicherung oder Umwandlungstechnologien). Diese Produktionskontexte sind geographisch besonders relevant etwa aus Sicht globaler Produktionsnetzwerke, die Logiken geographisch reproduzieren und mit lokal-regionalen Auswirkungen tief in einzelne Komponenten der Energiewenden einschreiben (Bridge & Faigen 2022).
- In Bezug auf die Verbreitung und Übertragung von Wissen zwischen räumlichen und skalaren Kontexten steht insbesondere die Reproduktion von Machtverhältnissen im Vordergrund, etwa über Mobilisierung von Best Practice-Beispielen (vgl. Nagorny-Koring 2018), oder die Etablierung von Standards. Diese Prozesse sind vor allem entlang der umstrittenen Begriffe des Globalen Nordens und Globalen Südens (Morales et al. 2025) zentral, ebenso wie im Zusammenhang mit der Erschließung neuer multilateraler Kooperationen, wobei Wissensnetzwerke der akademischen Forschung wie auch entwicklungspolitische und professionelle Netzwerke zentrale Treiber der Wissenszirkulation sein können (Frandsen & Hasselbalch 2024).
- Drittens richtet sich der Blick auf die Anwendung und Aneignung von Wissen, bei der Wissen etwa im Sinne der Policy Assemblage an die geographischen Kontexte angepasst wird und damit unterschiedliche sozialräumliche Wirkungen entfaltet (z.B. in Bezug auf globale Technologiediskurse wie der zu Smart Grids, die kontextabhängig angeeignet und konfiguriert werden, Büttner & Barning 2023). Insbesondere hier entfalten Konflikte zwischen Expert:innen- und lokalem Wissen einerseits und rechtspopulistischer Deutung andererseits ihre besondere Sprengkraft (Selk et al. 2019).
- Darüber hinaus soll mit der Diskussion von Expert:innenwissen auch das Selbstverständnis der energiegeographischen Wissensproduktion selbst im Fokus stehen. Damit möchten wir gegenwärtige Debatten zur Rolle der Energiegeographie (Bridge 2025; Ptak et al. 2025 und weitere) aufgreifen und diskutieren, wie energiegeographisches Wissens in unterschiedlichen Gesellschaftsbereichen wie Raumplanung, Sozialpolitik oder auch Technologieentwicklung wirkt oder wirken sollte.
Neben den genannten Schwerpunkten sind selbstverständlich auch weitere Themen, Perspektiven und theoretische Zugänge willkommen und wir freuen uns auf alle Synthesen und Erweiterungen. Wir bitten um die Zusendung von Abstracts (Deutsch oder Englisch) im Umfang von bis zu 200 Wörtern bis zum 30.4.2026 mit Betreff [GEnF2026] an folgende Adressen: lucas.barning@univie.ac.at
Literatur
Baasch, Stefanie (2023): Towards an integrative understanding of multiple energy justices. In: Geographica Helvetica, 78 (4), 547–558. DOI: 10.5194/gh-78-547-2023.
Becker, Sören & Naumann, Matthias (2017): Energy democracy: Mapping the debate on energy alternatives. In: Geography Compass, 11 (8), e12321. DOI: 10.1111/gec3.12321.
Bridge, Gavin (2025): Inwards to the centre! The trouble with ‘repositioning energy geographies’. In: Dialogues in Human Geography, DOI: 10.1177/20438206251398545. DOI: 10.1177/20438206251398545.
Bridge, Gavin & Faigen, Erika (2022): Towards the lithium-ion battery production network: Thinking beyond mineral supply chains. In: Energy Research & Social Science, 89, 102659. DOI: 10.1016/j.erss.2022.102659.
Bridge, Gavin & Gailing, Ludger (2020): New energy spaces: Towards a geographical political economy of energy transition. In: Environment and Planning A: Economy and Space, 52 (6), 1037–1050. DOI: 10.1177/0308518X20939570.
Büttner, Leonie & Barning, Lucas (2023): A situated governmentality approach to energy transitions: technologies of power in German and Indian smart grid strategies. In: Geographica Helvetica, 78 (4), 581–592. DOI: 10.5194/gh-78-581-2023.
Delina, Laurence L & Sovacool, Benjamin K (2018): Of temporality and plurality: an epistemic and governance agenda for accelerating just transitions for energy access and sustainable development. In: Current Opinion in Environmental Sustainability, 34, 1–6. DOI: 10.1016/j.cosust.2018.05.016.
Dietz, Kristina, Dorn, Felix M, Schneider, E. (2025). Towards a global perspective on interrelated green hydrogen transitions: The case of Colombia. Political Geography 122, 103395. DOI: 10.1016/j.polgeo.2025.103395
Felt, Ulrike (2025). Residues that matter: Why innovation societies need to rethink their response-ability. In Proceedings of the Paris Institute for Advanced Study (Vol. 21). DOI: 10.5281/zenodo.15827925
Frandsen, Søren Lund & Hasselbalch, Jacob A. (2024): Who are the green transition experts? Towards a new research agenda on climate change knowledge. In: WIREs Climate Change, 15 (6), e917. DOI: 10.1002/wcc.917.
Fressoz, Jean-Baptiste (2024): More and More and More: An All-Consuming History of Energy. London: Allen Lane, an imprint of Penguin Books.
Hitch, Michael & Barakos, George (2026): Critical minerals as a Trojan Horse: The political ecology of green extractivism in climate governance. In: The Extractive Industries and Society, 26, 101845. DOI: 10.1016/j.exis.2025.101845.
Knox-Hayes, Janelle (2025): Reconsidering just energy transition: integrating ethical, spatial and temporal perspectives from Aristotle to Deloria. In: ZFW – Advances in Economic Geography, 69 (2–3), 164–176. DOI: 10.1515/zfw-2025-0053.
Kuzemko, Caroline, Blondeel, Mathieu, Bradshaw, Michael, Bridge, Gavin, Faigen, Erika & Fletcher, Louis (2024): Rethinking Energy Geopolitics: Towards a Geopolitical Economy of Global Energy Transformation. In: Geopolitics, DOI: 10.1080/14650045.2024.2351075. DOI: 10.1080/14650045.2024.2351075.
Morales, Diana, Evenhuis, Emil & Sariego-Kluge, Laura (2025): Debating ‘development’ in geography: advancing the dialogue with feminist, decolonial and alternative visions. In: Geografiska Annaler: Series B, Human Geography, 107 (4), 343–354. DOI: 10.1080/04353684.2025.2567686.
Nagorny-Koring, Nanja Christina (2019): Leading the way with examples and ideas? Governing climate change in German municipalities through best practices. In: Journal of Environmental Policy & Planning, 21 (1), 46-60, DOI: 10.1080/1523908X.2018.1461083.
Naumann, Matthias, Becker, Sören & Bruns, Antje (2025): Peripherien, Konflikte, Transformationen – Perspektiven einer kritischen Energiegeographie. In: Geographica Helvetica, 80 (2), 99–107. DOI: 10.5194/gh-80-99-2025.
Ptak, Thomas, Stock, Ryan, Sareen, Siddharth & Kumar, Ankit (2025): Repositioning energy geographies in a time of crisis: Arguments from a subdiscipline on the margins of geography. In: Dialogues in Human Geography, DOI: 10.1177/20438206251316025. DOI: 10.1177/20438206251316025.
Selk, Veith, Kemmerzell, Jörg & Radtke, Jörg (2019): In der Demokratiefalle? Probleme der Energiewende zwischen Expertokratie, partizipativer Governance und populistischer Reaktion. In: Radtke, Jörg, Canzler, Weert, Schreurs, Miranda A. & Wurster, Stefan (Hrsg.) Energiewende in Zeiten des Populismus. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden, 31–66. DOI: 10.1007/978-3-658-26103-0.
Trippl, Michaela, Benner, Maximilian and Kastrup, Jannik (2026). Breaking out of old paths? Towards a research agenda on path decline. Cambridge Journal of Regions, Economy and Society 19 (1), 1-17. DOI: https://doi.org/10.1093/cjres/rsaf045
Van Veelen, Bregje & Kuchler, Magdalena (2026): Beyond linear progress: Towards a material-temporal understanding of infrastructural unmaking. In: Futures, 175, 103730. DOI: 10.1016/j.futures.2025.103730.
Werner, Marion (2019): Geographies of production I: Global production and uneven development. In: Progress in Human Geography, 43 (5), 948–958. DOI: 10.1177/0309132518760095.