„Zukunft einer offenen und gesellschaftlich verantwortungsbewussten Geographie“
2. November 2026 per Zoom
Liebe Mitglieder, liebe Geograph*innen,
ein Vergleich auf globaler Ebene zeigt, dass Angriffe auf Institutionen und Verfahren unabhängiger Wissenschaft zunehmen. Besonders betroffen sind Themen, die sich für die Inszenierung autoritärer „Erfolge“ im Kulturkampf eignen, darunter postkoloniale Ansätze, gender- und diversitätssensible Perspektiven sowie Klima-, Umwelt- und Transformationsfragen.
Zugespitzt geht es dabei auch um Krieg und Frieden sowie das Wiederaufleben oder den Missbrauch geographischer Konzepte. Damit werden auch zentrale Fragen und Felder der Geographie zunehmend vonseiten der radikalen Rechten, aber auch von autokratischen Tendenzen „in der Mitte der Gesellschaft“ politisiert.
Das Tempo, mit dem unter Trump II in den USA zentrale Institutionen nahezu handlungsunfähig gemacht wurden, und das ganz aktuelle Wahlergebnis der AfD bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt Anfang September (und auch der hohe Stimmzuwachs der AfD bei den Kommunalwahlen in Niedersachsen am Wochenende) geben Anlass, dass sich unser Fach vorausschauend aufstellt, resiliente Strukturen aufbaut und seine gesellschaftliche Verantwortung neu kalibriert.
Wir schlussfolgern daraus, dass die Geographie diskutieren muss, welche gesellschaftliche Verantwortung sie als Disziplin und in ihren Governance-Strukturen hat – nicht zuletzt in der essenziellen Wirkungskette Schule–Hochschule–Anwendung.
Daher laden wir dazu ein, in einem ersten Round Table der Geographie an Hochschulen, raumwissenschaftlichen Forschungsinstituten, in Schule und Praxis, folgende Aspekte zu diskutieren und konkrete Operationalisierungen und Maßnahmen zu Resilienz und Wirksamkeit unseres Faches sicherzustellen und voranzubringen:
- Bestandsaufnahme: Wie können wir über Einzelfälle hinaus ein Lagebild entwickeln, das aufzeigt, welche Auswirkungen Anfechtungen, Infragestellungen und Deutungskonflikte bereits jetzt auf die freie Wissenschaft sowie auf das Wohlbefinden und die Sicherheit von Forschenden in der Geographie haben? In anderen Bereichen (z. B. Kommunalpolitik, Verwaltung) entstehen Monitoring-Strukturen, die Einschüchterungen kartieren und „chilling effects” dokumentieren. Lässt sich etwas Ähnliches für die Geographie an Forschungseinrichtungen und Schulen einführen und wenn ja, wie? Sollte der VGDH dabei eine Rolle spielen?
- Szenariodiskussion: Was passiert, wenn Kräfte der radikalen Rechten an einzelnen Hochschulstandorten, aber auch in Schulen und Einrichtungen der geografischen Praxis dominant werden oder auf Landesebene parteipolitisch an die Macht gelangen? Studien wie das „Thüringen-Projekt“¹ zeigen, wie rechtsstaatliche und als sicher geltende Verfahren umgedeutet und ausgehebelt werden können. Für die (geographische) Wissenschaftslandschaft sollten solche Eventualitäten identifiziert und offen diskutiert werden. Für Sachsen-Anhalt kann das ganz schnell hochaktuell werden…
- Institutionelle Absicherung: Mit welchen Organisationsstrukturen und Rechtsformen können Projekte der geographischen Lehre und Forschung, die unter Druck geraten, langfristig abgesichert werden? Wie lassen sich etwa Stiftungsmodelle oder unabhängige Forschungsförderung vorbereiten, wenn staatliche Förderung auf Landesebene als politisches Druckmittel eingesetzt wird? Wir sollten zusätzlich Entscheidungswege und -orte aufzeigen, z. B. durch verbindliche Mitbestimmung und Selbstverwaltung – natürlich transparent und demokratisch legitimiert.
- Individueller Schutz: Wie können wir angefeindete Kolleg*innen effektiv schützen und ihr mentales Wohlbefinden stärken, damit Forschung und Lehre tatsächlich frei stattfinden können? Rassistische, antisemitische oder politisch motivierte Feindbildkonstruktionen sind bereits Realität. Eine Auseinandersetzung damit sowie eine wissenschaftstheoretische Reflexion für Geographie und schulische Bildung finden oft nicht statt. Zu diskutieren sind u. a. Supervisionsstrukturen (insbesondere für Nachwuchswissenschaftler*innen, die in der Feldforschung oft besonders exponiert sind), Rechtshilfe sowie Formate für offenen Austausch über Diskriminierungserfahrungen.
- Sorgender disziplinärer Zusammenhang: Wie können wir in einer kompetitiven Wissenschaftslandschaft Strukturen gegenseitiger Fürsorge entwickeln? Erklärungen wie „Hochschulen zeigen Haltung“³ sind wichtige erste Schritte, um Sensibilität innerhalb von Institutionen zu schaffen. Doch wie können wir standortübergreifend vorgehen? Welche Effekte sind beim Hosting von „Scholars at Risk“ zu berücksichtigen?
Zunächst sollte diskutiert oder definiert werden, welchen Teilbereich ein Austauschforum adressiert und wie dieses aussehen könnte.
Wann? 2. November 2026, 14-17 Uhr
Wo? Der Zoom-Link ist im Mitgliederbereich hinterlegt oder kann in der Geschäftsstelle erfragt werden.
Wir freuen uns, mit Euch diese wichtigen Themen innerhalb der Geographie und Raumforschung zu diskutieren!
Für den VGDH-Vorstand
Valentin Domann, Felix Henselowsky, Klaus Kost und Dagmar Haase