Bringt dat Watt? Interdisziplinäre Forschung zu untergegangener Kulturlandschaft im Wattenmeer
Von Hanna Hadler
Im UNESCO-Welterbe „Wattenmeer“ gelegen, ist die Küste Nordfrieslands Teil eines weltweit einzigartiges Ökosystem. Immer wieder treten in den Wattflächen jedoch auch Siedlungsspuren zu Tage. Sie sind Relikte einer vom Menschen intensiv geprägten Kulturlandschaft mit Deichen, Entwässerung und Torfabbau.
Bis etwa 1000 n. Chr. war Nordfriesland von ausgedehnten Mooren und Marschen geprägt. Ab dem 12. Jahrhundert begannen systematische, großflächige Eingriffe zur Kultivierung dieser tiefliegenden Küstengebiete. Sie verwandelten den Naturraum in nur zwei Jahrhunderten in eine hochproduktive Kulturlandschaft.
Wie im gesamten südlichen Nordseeraum, kulminierten die Eingriffe auch hier in selbstverstärkenden Prozessen wie Landsenkung oder dem Anstieg von Tidenhub und Sturmflutwasserständen. So entstand eine höchst vulnerable Landschaft, die 1362 während der sogenannten 1. Groten Mandränke unterging. Bis heute ist Nordfriesland Sinnbild der verheerenden Auswirkungen von Sturmfluten.

Weite Teile der untergegangenen Kulturlandschaft wurden nach 1362 nicht zurückgewonnen. Ihre im Watt erhaltenen archäologischen Überreste wirken dadurch wie eine Zeitkapsel und sind von großem Wert für das kulturelle Erbe Nordfrieslands und der gesamten Wattenmeerregion. Dennoch ist die mittelalterliche Landschaft bis heute nur unvollständig erforscht.
Wesentliche, noch ungeklärte Fragen sind z. B. die Ausdehnung und das Erscheinungsbild der Kulturlandschaft vor 1362, der menschliche Einfluss durch Besiedlung, Kultivierung und Landnutzung oder die soziale, politische, kirchliche und wirtschaftliche Organisation der Bevölkerung. Auch die regionale Entwicklung des Meeresspiegels als Ausgangspunkt der Landgewinnung, die Auswirkungen des menschlichen Einflusses auf die Vulnerabilität der Küste oder der Einfluss von Extremereignissen und Anpassungsstrategien dagegen sind nur unzureichend verstanden.

Die DFG-Forschungsgruppe FOR 5837 | TORF zielt nun erstmals durch eine systematische, multidisziplinäre Untersuchung großer Teile des nordfriesischen Wattenmeers auf die raumzeitliche Rekonstruktion der mittelalterlichen Küstenlandschaft Nordfrieslands als Ganzes. TORF kombiniert dazu in sieben Teilprojekten geistes- und naturwissenschaftliche Disziplinen und verbindet Forschende aus Geographie, Archäologie, Geophysik, Geologie, Geschichte, Molekularbiologie und Datenwissenschaft in enger interdisziplinärer Zusammenarbeit.
Zentrale Ziele sind 1) die vielfältigen Mensch-Umwelt-Wechselwirkungen zu erfassen, zu rekonstruieren und zu verstehen, 2) den Aufstieg und Untergang menschlicher Anstrengungen um Ressourcensicherung, Siedlungsexpansion und Kampf gegen Landverluste durch Extremereignisse zu verstehen und 3) ein besseres Verständnis des kulturellen Erbes der Region und eine Sensibilisierung der Öffentlichkeit für die Risiken der Küste zu erlangen.
Kontakt
DFG-Forschungsgruppe FOR 5837 | TORF
Dr. Hanna Hadler (Sprecherin)
Geographisches Institut, Johannes-Gutenberg-Universität Mainz
hadler@uni-mainz.de