Der Meeresspiegel ist höher als oft angenommen
von
Katharina Seeger, Philip S.J. Minderhoud
Weltweit sind Küsten, niedrig gelegene und dichtbesiedelte Flussdeltas sowie Küstenebenen einem zunehmenden Risiko durch den relativen Meeresspiegelanstieg ausgesetzt. Dieser wird sowohl durch den klimabedingten Meeresspiegelanstieg als auch durch Landabsenkungen verursacht. Wie stark Küsten von Überflutungen betroffen sind, hängt wesentlich von ihrer Höhe über dem Meeresspiegel ab. Gefährdungsbeurteilungen sind daher nur dann zuverlässig, wenn Geländehöhen und Meeresspiegel korrekt aufeinander bezogen werden.
Für datenarme Küstenregionen werden häufig satellitengestützte digitale Höhenmodelle verwendet. Diese beziehen sich meist auf ein globales Geoidmodell. Die Annahme, dass 0 m über dem Geoid zugleich 0 m über dem tatsächlichen Meeresspiegel entspricht, trifft jedoch nicht immer zu, da das Geoid die Dynamik der Ozeane nicht berücksichtigt. Wind, Meeresströmungen, Wassertemperatur und Salinität können den tatsächlichen Meeresspiegel um mehrere Dezimeter vom Geoid abweichen lassen. Dadurch können Gefährdungen unterschätzt werden. Für belastbare Bewertungen sollten deshalb Meeresspiegelmessungen, etwa von Pegeln oder satellitengestützter Altimetrie, einbezogen werden.

Systematische Analyse von Küstengefährdungsbeurteilungen
Ein deutsch-niederländisches Forschungsteam untersuchte Studien der vergangenen 15 Jahre. Von 7241 gesichteten Publikationen wurden 385 ausgewertet. Die meisten stammen aus den letzten fünf Jahren und befassen sich mit Küstenregionen in Asien und Afrika, wo hochwertige lokale Höhen- und Meeresspiegeldaten häufig nicht zugänglich sind oder fehlen.
Die in „Nature“ veröffentlichten Ergebnisse zeigen: Über 90 % der Studien setzen das Geoidmodell mit dem Meeresspiegel gleich und berücksichtigen keine gemessenen Meeresspiegeldaten. Lediglich 9 % beziehen Messungen ein, berücksichtigen jedoch meist nicht die Unterschiede zwischen den verwendeten vertikalen Bezugssystemen.
Eine Metaanalyse zeigt, dass die größten Abweichungen zwischen tatsächlichem und angenommenem Meeresspiegel in Südostasien und dem Indo-Pazifik auftreten. Dort liegt der mittlere Meeresspiegel teils mehr als einen Meter höher als häufig angenommen. Im Globalen Norden sind die Unterschiede gering. Entsprechend sind auch die vom Meeresspiegelanstieg betroffenen Flächen und Bevölkerungen im Globalen Süden größer als bisher angenommen.
Auf dem Weg zu verbesserten Folgenabschätzungen von Küstengefahren
Die Ergebnisse sind vor allem für datenarme Regionen des Globalen Südens von Relevanz. Küstengefährdungsanalysen sollten überprüft und mit gemessenen Meeresspiegeldaten neu bewertet werden. Liegt der tatsächliche Meeresspiegel höher als bislang angenommen, könnten Anpassungsmaßnahmen früher erforderlich sein.
Für künftige Untersuchungen ist die Einbeziehung von Meeresspiegelmessungen entscheidend. Eine engere Zusammenarbeit von Küstenforschung, Ozeanographie und Geodäsie verbessert Gefährdungsanalysen sowie deren Methodik zur Integration von Meeresspiegel- und Geländehöheninformationen und stärkt die Grundlage für Küstenanpassungsstrategien.
KONTAKT
M.Sc. Katharina Seeger
Katharina.Seeger@wur.nl
Assoc. Prof. Dr. Philip S.J. Minderhoud
Philip.Minderhoud@wur.nl
Soil Geography and Landscape Group,
Wageningen University & Research
Der Artikel erscheint in Zusammenarbeit mit der Geographischen Rundschau im Westermann-Verlag, Heft 9-2026.