Forschungsethik in der Geographie
Das Instrument der Ethikberatungen wurde in der Medizin und Pharmaforschung entwickelt, um sicherzustellen, dass forschungsethische Standards eingehalten werden. Daher verfügt die Medizin über etablierte Ethikkommissionen und Prozesse, die allerdings sehr fachspezifisch sind. Inzwischen fordern Drittmittelgeber und Fachzeitschriften aber auch von anderen Disziplinen formale Nachweise über eine vorab durchlaufene Ethikberatung, sogenannte Ethikvoten. Besonders in der Medizinischen Geographie und der geographischen Gesundheitsforschung wurde daher diskutiert, wie solche Verfahren verändert werden können, damit sie den Besonderheiten raumbezogener Forschung gerecht werden können – was bei einer Beratung durch medizinische Ethikkommissionen nicht gewährleistet ist. Daraus sind zwei zentrale Initiativen hervorgegangen: ein Ethikkodex für die deutschsprachige Geographie und die Einrichtung einer eigenen Ethikkommission.
Ethikberatung in der Geographie
Eine Ethikberatung soll vor Beginn eines Projekts klären, welche Risiken für Beteiligte bestehen und wie mit sensiblen Daten umgegangen wird. In der Medizin stehen dabei der Schutz von Patientinnen und Patienten und die klinische Forschung im Mittelpunkt.
Die Geographie arbeitet mit anderen Methoden und es stellen sich andere Fragen: Wie werden Interviewpartnerinnen und -partner über das Ziel des Forschungsvorhabens und die Verwendung der Daten informiert? Welche Folgen kann die Veröffentlichung einer Karte haben? Wie lassen sich personenbezogene Geodaten so anonymisieren, dass keine Rückschlüsse auf Einzelpersonen möglich sind?
Vor allem die Darstellung raumbezogener Analysen stellen dabei eine Gemeinsamkeit und eine Besonderheit der Geographie dar: Ihre Darstellung in Karte, Bild und Text beeinflussen zum Beispiel, wie Regionen wahrgenommen werden. Risiko- oder Krankheitsverbreitungskarten können politische Entscheidungen beeinflussen oder Regionen stigmatisieren. Hochaufgelöste Fernerkundungsdaten betreffen sensible Fragen des Datenschutzes und der Sicherheit.
Der Ethikkodex für die Geographie
Vor diesem Hintergrund wurde ein Ethikkodex für die Geographie erarbeitet. Er präzisiert die allgemeinen Leitlinien guter wissenschaftlicher Praxis mit Blick auf geographische Forschung. Im Mittelpunkt stehen Fragen der Verantwortung, Transparenz und des respektvollen Umgangs im Forschungsprozess.
Der Kodex betont unter anderem:
■ die Reflexion der eigenen Positionalität,
■ den kritischen und reflektierten Umgang mit Geo- und Raumdaten,
■ das Spannungsfeld zwischen Open Data und Datenschutz,
■ faire Publikationspraxis und die angemessene Anerkennung von Mitwirkenden.
Eine Ethikkommission für die Geographie
Auf Grundlage des Ethikkodexes entsteht eine facheigene Ethikkommission. Sie soll Geographinnen und Geographen in ethischen Fragen beraten und bei Bedarf ein formales Votum zur ethischen Bewertung eines Forschungsvorhabens ausstellen. Damit wird ein Rahmen geschaffen, der der methodischen Vielfalt der Geographie gerecht wird und qualitative Interviews ebenso berücksichtigt wie Geländeuntersuchungen oder Verfahren der Fernerkundung.
Weitere Informationen unter https://vgdh.de/forschung/ethikkodex-geographie/.
KONTAKT
Carsten Butsch
Geographisches Institut der Universität Bonn/Geographisches Institut der Universität zu Köln
butschc@uni-bonn.de
Der Artikel erscheint in Zusammenarbeit mit der Geographischen Rundschau im Westermann-Verlag, Heft 5-2026.