Forschung

Einblicke in die Geographie

Klimaanpassung neu gedacht

Wenn Forschung auf Praxis trifft

Der Klimawandel ist schon lange kein Zukunftsthema mehr. Hitzewellen, Überschwemmungen oder Dürren treffen europäische Städte und Regionen heute ganz konkret und immer häufiger – oft gerade dort, wo Menschen und wirtschaftliche Aktivitäten ohnehin verwundbar sind. Hier setzen aktuelle Forschungsansätze der umweltorientierten Wirtschaftsgeographie an. Im Fokus steht dabei die Frage, wie sich wirtschaftliche Entwicklung und Klimaanpassung sozial gerecht, ökologisch sinnvoll und regional angepasst zusammendenken lassen.

Erste Schritte und komplexe Herausforderungen
Ein zentraler Schritt dabei ist die systematische Analyse von Klimarisiken. Welche Gefahren drohen einer Region? Wer ist besonders betroffen? Parallel dazu werden diese Analysen mit einem Blick auf die sozioökonomischen Strukturen verknüpft, beispielsweise auf Einkommensunterschiede, die Wirtschaftsstruktur oder die institutionellen Rahmenbedingungen. Erst durch diese Kombination entsteht ein umfassendes Bild der regionalen Verwundbarkeit und Anpassungsfähigkeit.
Ein Beispiel dafür ist das von der EU geförderte Forschungsprojekt TiCCA4Danu. Im Fokus stehen vier Stadtregionen in der Donauregion: Burgas (Bulgarien), Debrecen (Ungarn, vgl. Foto), Maribor (Slowenien) und Suceava (Rumänien). Dabei wird nicht nur jede einzelne Stadt selbst, sondern auch ihr Umland betrachtet, da wirtschaftliche, soziale und ökologische Verflechtungen weit über die Stadtgrenzen hinausreichen. Aufbauend auf den umfangreichen Kontextanalysen identifizieren die Forschenden gemeinsam mit lokalen Akteurinnen und Akteuren Zukunftsfelder und konkrete Lösungsansätze, beispielsweise in den Bereichen Stadtplanung, Wirtschaft und politische Rahmenbedingungen. So entstehen Strategien, die an die jeweiligen regionalen Bedingungen angepasst sind.
Wichtig ist der inter- und transdisziplinäre Ansatz: Forschende aus verschiedenen Disziplinen und Schwerpunkten – etwa Klimafolgenforschung, Systemforschung und regionale Innovationssysteme – arbeiten einerseits eng miteinander und andererseits mit den lokalen und regionalen Verwaltungseinheiten sowie Vertreterinnen und Vertretern aus Wirtschaft und Zivilgesellschaft zusammen.

Was ist das Ziel?
Konzeptionell basiert das Projekt auf der Idee der Transformativen Innovationspolitik (TIP). Im Gegensatz zu klassischen Wirtschafts- und Innovationsförderansätzen, die vor allem auf Wachstum und Technologie abzielen, stehen bei TIP gesellschaftliche Herausforderungen wie Klimawandel und Ungleichheit im Mittelpunkt. Das Ziel besteht daher darin, eine gerechte und resiliente Entwicklung von Regionen voranzutreiben.
Die ersten Erfahrungen zeigen: Dieser Forschungsansatz ist kein linearer Prozess. Er bedeutet Analyse, Austausch und Experimentieren mit neuen Methoden und Kooperationsformaten. Gerade die Zusammenarbeit mit Praxispartnern ist unabdingbar, um ortsspezifische Lösungen zu finden. TiCCA4Danu macht deutlich, dass erfolgreiche Klimaanpassung mehr erfordert als technische Lösungen. Eine gerechte und ökologisch sinnvolle Klimaanpassung erfordert ein tiefes Verständnis regionaler Risiken und Strukturen sowie neue Wege der Zusammenarbeit.

Kontakt
Dr. Sebastian Fastenrath, Geographisches Institut, Universität Bern