Forschung

Einblicke in die Geographie

Mensch-Wolf-Verflechtungen. Eine mehr als menschliche Perspektive

Wölfe kehren in unsere Kulturlandschaft zurück. Diese Entwicklung bringt überraschende Begegnungen mit sich, ebenso wie neue Herausforderungen in der Land-, Jagd- und Forstwirtschaft, die vor allem körperlich-leiblich erlebt werden. Die Koexistenz zwischen Menschen und Wölfen lässt sich also als leibliche Praxis verstehen, aus der beide Seiten verändert hervorgehen. Wölfe agieren demnach nicht abgekoppelt von Menschen, sondern sie werden durch deren Spuren, Gerüche und Bewegungen transformiert, so wie auch umgekehrt die Tiere menschliche Körper und Gefühle „durchwandern“ und somit verändern. Diese Verflechtungen zwischen den Lebensformen sind weder sprachlich, noch theoretisch und methodisch leicht zu fassen. Sie sind jedoch von Relevanz, denn wie mein Forschungsprojekt zur Rückkehr von Wölfen in die Schweiz zeigen konnte, spielen gerade diese nonverbalen Beziehungserfahrungen eine zentrale Rolle bei politischen Aushandlungen über Leben und Tod der Tiere. Zudem gehen aus den Verstrickungen zwischen den Lebewesen neue Mobilitäten und Immobilitäten, Materialitäten und Territorialisierungen hervor, die das Leben im alpinen Raum tiefgreifend verändern.

Der Comic wurde mit Klanguntermalung im Rahmen einer Ausstellung zum Thema Kohabitation präsentiert. Foto: Verena Schröder

Methoden und Ergebnisse
Das methodische Repertoire der Studie umfasste Interviews mit Akteuren und Akteurinnen aus Land- und Forstwirtschaft , Jagd und Wildhut, multisensorische Zugänge, visuelle Impulse sowie die Erstellung eines kollaborativen Comics, um die Forschungsergebnisse in ihrer Viszeralität anschaulicher und erfahrbarer zu vermitteln. Die Ergebnisse zeigen, dass die Rückkehr von Wölfen zu veränderten Praktiken in der Jagd führt. Diese ist nun anspruchsvoller, da die gemeinsamen Beutetiere aufmerksamer sind und sich anders im Raum verteilen. Die veränderten Bewegungsmuster des Rot- und Rehwildes bringen ökologische Rückkopplungen mit sich, etwa durch eine Verjüngung des Schutzwaldes. Auch die Behirtung von Schafherden führt, neben dem Schutz vor Wolfsübergriffen, zu geringeren Verlusten durch Krankheiten oder Abstürze.
Neben Begegnungsmomenten und Machtstrukturen wurden in der Studie auch Zusammenhänge zwischen unterschiedlichen Weltverhältnissen und der Akzeptanz von Wölfen analysiert: Während die als „verhärtet-ablehnend“ und „retrospektiv-kontrollierend“ typisierbaren Gruppen die Logiken der Wölfe als Bedrohung und Belastung wahrnehmen und die Welt bzw. die Tiere verändert sehen möchten, begreifen sie „prospektiv- offene“ Menschen als Chance zur Transformation und begegnen der Unbestimmtheit von Wölfen mit Offenheit.

Eine mehr als menschliche Perspektive auf die Verflechtungen zwischen Menschen, Wölfen und anderen Lebensformen macht die sinnlich-emotionale Dimension der Debatte besser verstehbar und kann aufzeigen, dass der Ablehnung der Tiere oft Erfahrungen des Kontrollverlusts, Entfremdungsprozesse von Welt sowie Gefühle fehlender gesellschaftlicher Wertschätzung vorausgehen oder zugrunde liegen.

KONTAKT
Dr. Verena Schröder, Institut für Geographie, Universität Innsbruck
verena.schroeder@uibk.ac.at

LITERATUR
Schröder, V. (2024): Mensch-Wolf-Beziehungen in den Alpen. Eine mehr-als-menschliche Geographie des Verbundenseins. Bielefeld.

Der Artikel ist in Zusammenarbeit mit der Geographischen Rundschau im Westermann-Verlag, Heft 12-2025 erschienen.