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Rundbrief Geographie Heft 319

Veröffentlicht im Rundbrief 319

Mitteilungen von Verbänden und Institutionen: Frithjof-Voss-Stiftung für Geographie

Ohne ihn gäbe es die Frithjof-Voss-Stiftung für Geographie nicht!

Ein Nachruf auf Prof. em. Dr. Dr. h.c. Günter Heinritz (1940–2026)

Fragt man nach den Wurzeln der Frithjof-Voss- Stiftung, so fällt der Blick unweigerlich auf Gün- ter HEINRITZ. Als Wirtschafts- und Sozialgeograph, der seit 1975 von der TU München aus maßgeb- lich zum nationalen und internationalen Ansehen der Geographie beigetragen hatte, war er zunächst einmal die treibende Kraft zur Gründung eines geographischen Gesamtverbandes. Sein Ziel war es, der Fragmentierung der Gesamtdisziplin in verschiedene Einzeldisziplinen etwas Konstruk- tives entgegen zu setzen und damit die Einheit der Geographie und auf diese Weise ihre Wahr- nehmung in der Öffentlichkeit zu stärken. Die Gründung der Deutschen Gesellschaft für Geo- graphie (DGfG) im Jahr 1995, deren erster Präsi- dent Günter HEINRITZ wurde, betrachtete er als einen ersten, wesentlichen Schritt dazu.

Zur gleichen Zeit kämpfte Frithjof VOSS, seit 1980 Professor für Geographie an der TU Berlin, um den Erhalt seines Faches. Infolge der Wieder- vereinigung verfügte die Hauptstadt Anfang der 1990er-Jahre über vier staatliche Universitäten. Der Hochschulstrukturplan des Berliner Senats von 1993 sah daher für die nächsten zehn Jahre eine Einsparung von einer Milliarde DM vor. Das bedeutete vor allem die Schließung jener Studiengänge, für die es in der Stadt Doppel- oder Mehrfachangebote gab. An der TU Berlin gehör- te dazu 1996 auch der Studiengang Geographie. Als Lehrstuhlinhaber erhielt Frithjof VOSS, da noch nicht pensionsfähig, ein „akademisches Gnadenbrot“. Er sollte künftig mit geographischen Vorlesungen anderen Fächern „zuarbeiten“. Allerdings gab es die Zusage, dass sein Institut erhalten bleiben werde. Voss, leidenschaftlicher

Geograph und zugleich immer auch Unternehmer, war fassungslos – und beschloss zu kämpfen. Schon 1995 hatte er begonnen, Aus- und Weiter- bildungskurse im Bereich der geographischen Fernerkundung anzubieten, zu einer Zeit, als diese junge Fachdisziplin in Deutschland noch lange nicht Eingang in die universitären Curricula gefunden hatte. Nun aber gründete er innerhalb der TU sein „Institut für Geographie“, um noch stärker unternehmerisch wirken zu können.

Und hier war die Brücke zu Günter HEINRITZ, dem Verbandsfunktionär und Präsidenten der DGfG, eine Brücke, die der (wissenschaftliche) Alleingänger Frithjof VOSS im Kampf um die Geographie vorsichtig zu betreten wagte. Zum 1. Mai 1997 wurde mit Unterstützung von Günter HEINRITZ und seinem Nachfolger im Amt des DGfG- Präsidenten, Peter MEUSBURGER (1942–2017), in Voss‘ „Institut für Geographie“ die Geschäftsstelle der „Fortbildungsakademie der Deutschen Gesellschaft für Geographie“ etabliert. Für die technische Ausstattung nahm VOSS privat einen Kredit in Höhe von 130.000 DM auf, wobei er jedoch durch das Präsidium der DGfG unterstützt wurde. Diese für VOSS völlig unerwartete Hilfestellung hat er Zeit seines Lebens nicht vergessen. Entsprechend dankbar und mit großer Hochachtung sprach er stets über Günter HEINRITZ. Dessen aufrichtige Hilfsbereitschaft und kollegiale Verlässlichkeit beeindruckten ihn nachhaltig!

Mit jährlich mehr als 700 Kunden und Kundin- und mit Microsoft und Apple als Exklusivpartnern war die Fortbildungsakademie dann auch ein großer Erfolg und der Kredit recht bald abgezahlt – bis die Universität, die immerhin zehn Prozent der Einnahmen erhielt, ohne Angabe triftiger Gründe die Räume der Akademie im Jahr 2000 mit dreimonatiger Frist kündigte und die Fortbildungsakademie (und damit indirekt auch Frithjof VOSS) vor die Tür setzte. Doch Aufgeben war auch diesmal keine Option. Das „Institut für Geographie“ einschließlich der Geschäftsstelle der Fortbildungsakademie zog samt Labor und Mo- biliar an eine neue Adresse. Erst mit dem plötzlichen Tod von Frithjof VOSS im Mai 2004 musste sie ihre Arbeit einstellen.

Aber da hatten Günter HEINRITZ und Frithjof VOSS bereits ein weiteres Baby aus der Taufe gehoben. Denn so verschieden der Franke HEIN- RITZ und der Hanseat VOSS auch waren, beide teilten die tiefe Überzeugung, dass die Leistungen der (deutschen) Geographie als Ganzes in der Öffentlichkeit stärker wahrgenommen werden müssten. Zu diesem Zweck sollte eine Stiftung für Geographie gegründet werden, die alle zwei Jahre während der Deutschen Geographentage (seit 2015 Deutscher Kongress für Geographie) hervorragende Nachwuchswissenschaftler und -wissenschaftlerinnen mit einem beträchtlichen Preisgeld für ihre weiteren geographischen Forschungen auszeichnet. Die Idee dazu geht auf

Günter HEINRITZ zurück, bei Frithjof VOSS fiel sie sofort auf fruchtbaren Boden und manifestierte sich in der Gründung einer eigenen Stiftung. Das Geld dazu hatte VOSS als Hochschullehrer, als international tätiger Berater und als Unternehmer im Bereich der angewandten Geographie verdient. So konnte er Mitte Januar 2001 seinem Kollegen in München mitteilen, dass die Stiftung nun (seit 27. Dez. 2000) rechtskräftig sei. Zugleich vergewisserte er sich über das Prozedere für die erste Preisverleihung auf dem Geographentag in Leip- zig (Oktober 2001). VOSS‘ Schreiben endete mit den Worten:

„Schließlich würde ich nun gerne mit Ihnen die ‚Gründung eines MAXPLANCK (Arbeitstitel) Instituts für Geographie‘ beginnen, Sie erinnern sich an unsere Telephonate.“ (Schreiben Frithjof VOSS an Günter HEINRITZ, 13.1.2001)

Ein „Max-Planck-Institut für Geographie“ blieb Vision, aber die „Stiftung für Geographie“ stellte das fruchtbare Zusammenwirken von Günter HEINRITZ und Frithjof VOSS (über beider Tod hinaus) auf Dauer. Denn beide verfolgten dasselbe Ziel, nämlich zu „zeigen, was das schönste aller Fächer kann“ (Frithjof VOSS). Basierend auf tiefem Vertrauen und gemeinsamen Zielen, war Günter HEINRITZ als zweiter Vorsitzender von Beginn an in hohem Maße in die Arbeit der Voss-Stiftung eingebunden und wirkte dabei auch stilgebend. So riet er VOSS beispielsweise, die von diesem im Anschluss an die Preisverleihungen geplanten Bankette für die Ausgezeichneten in der Satzung zu verankern, damit sie wie das Preisgeld, die Urkunden und die Statuetten zum Stiftungszweck gehörten. Im Gegensatz zu VOSS, der sich als Stifter nicht einmischen wollte, wirkte HEINRITZ als Vorsitzender der Jurys bei der Auswahl der Preisträgerinnen und Preisträger mit, wobei von Beginn an höchste Exzellenzstandards galten. Parallel entwickelten die beiden Kollegen weitere Ideen, um die Außenwirkung der gesamten deutschen Geographie zu stärken. So war schon damals die Vergabe eines „Internationalen Wissenschaftspreises der deutschen Geographie“ durch die VOSS-Stiftung (im Verein mit der DGfG) im Gespräch.

Dass Frithjof VOSS und Günter HEINRITZ die verschiedenen Teildisziplinen der Geographie als Ganzes fördern und zugleich als Einheit reprä- sentiert sehen wollten, um so das Ansehen der Geographie in der Öffentlichkeit zu stärken, macht auch der Stiftungszweck deutlich. So vergibt die Voss-Stiftung einen Wissenschaftspreis sowohl für Physische Geographie wie auch für Human- geographie. Im Laufe der Zeit sollten der Inno- vationspreis für Schulgeographie (seit 2005), der Internationale Wissenschaftspreis der deutschen Geographie (seit 2012) und der Forschungspreis für Geographie und Geschichte (seit 2017) dazu kommen.

Frithjof VOSS selbst konnte sich allerdings nur an den beiden ersten Preisverleihungen in Leip- zig (2001) und Bern (2003) erfreuen, und sein plötzlicher Tod im Mai 2004 stellte zugleich die Weiterexistenz der noch jungen Stiftung in Frage. Denn eine durch seine gesetzlichen Erben bean- tragte private Nachlassinsolvenz hatte zur Folge, dass sämtliche innerhalb der letzten vier Jahre vor dem Tod getätigten Schenkungen zur Beglei- chung der Gläubigerschulden rückübertragen werden mussten. Dazu gehörte auch das Grund- kapital, mit dem Frithjof VOSS seine Stiftung ausgestattet hatte, da die Vierjahresfrist um fünf Monate unterschritten war. Nach langen, nun von Günter HEINRITZ als Erstem Vorsitzenden geführten Verhandlungen kam es jedoch zu einem Vergleich, und die Stiftung konnte die Hälfte ihres Vermögens behalten. Aber würde das angesichts der Null-Zins-Politik ausreichen, um die Stiftungszwecke weiterhin erfüllen zu können, und lohnte sich daher die Weiterführung der Stiftung? Oder sollte die Arbeit besser ruhen, bis sich ein Großspender fand? Aber auch hier galt: Aufgeben ist keine Option, und gemeinsam mit dem engeren Vorstand beschloss Günter HEINRITZ, die Herausforderung anzunehmen und die von ihm und Frithjof VOSS ins Leben gerufene Stiftung am Leben zu halten.

HEINRITZ setzte sich nunmehr mit ganzer Kraft für den Erhalt, die Neukonsolidierung und die Weiterentwicklung der Stiftung ein. Mit seiner fachlichen Autorität stellte er bis zu seinem Ausscheiden aus dem Vorstand im Jahr 2012 erfolgreich sicher, dass die durch die Stiftung verliehenen Preise unter Wahrung höchster Exzellenzstandards vergeben wurden. Zugleich bürgte er mit seinem Namen für (geographische) Qualität, die an der Stiftungsarbeit Interessierte zu weiterem Engagement sowie zu Spenden motivierte. 2009 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern des Freundeskreises der Frithjof- Voss-Stiftung, dessen Tätigkeiten (Reisen und Tagungen) sowie Mitgliedsbeiträge seither nach- haltig die Finanzierung der Voss-Preise sichern.

2012 hatte sich die Stiftung dann wieder so weit konsolidiert, dass auf dem Internationalen Geographenkongress in Köln erstmals auch der im Jahr 2001 von HEINRITZ und VOSS erwähnte „Internationale Wissenschaftspreis der deutschen Geographie“ vergeben werden konnte. Sein ers- ter Preisträger ist der bekannte britische, an der University of British Columbia in Vancouver lehrende Geograph Derek GREGORY.

Im selben Jahr – Günter HEINRITZ hatte durch sein außergewöhnliches Engagement der Stiftung mittlerweile einen anerkannten Platz in der ge- samten deutschen Geographie gesichert – über- gab er das Amt des Ersten Vorsitzenden an seinen Kollegen Herbert POPP (Univ. Bayreuth). Für seine intensiven Bemühungen ernannte die Voss- Stiftung Günter HEINRITZ 2013, im Rahmen des feierlichen Banketts während des Geographen- tages in Passau, zu ihrem Ehrenvorsitzenden.

Aber es hätte dieser Funktion wohl nicht bedurft, um auch weiterhin das Gehör und die Unterstützung von Günter HEINRITZ zu erhalten. Bis kurz vor seinem Tode verfolgte er die Geschi- cke der Voss-Stiftung, die ja letztlich auch „seine“ Stiftung war, sehr aufmerksam und brachte sich, wenn er gefragt wurde, gerne ein. Das betraf sowohl die Übernahme der Hanna-Bremer-Stiftung als Treuhandstiftung im Jahr 2021 wie auch die Feierlichkeiten zum 25-jährigen Bestehen der Voss-Stiftung im Oktober 2025. Zwar konnte Günter HEINRITZ nicht mehr persönlich nach Ber- lin reisen, er schickte jedoch ein Grußwort, das sich im Nachhinein wie sein Vermächtnis liest:

„[…] Das Anliegen von Frithjof VOSS war nicht nur darauf gerichtet, Wissenschaftspreise zu stiften, dass unser Fach, trotz aller fachlichen Vielfalt, zusammengehörig sein muss und auch praktischen

Es bleibt dabei, dass vor 25 Jahren die Stellung unseres Faches schwach war, so dass die Initiative von Prof. Dr. Frithjof VOSS, die Akzeptanz fördern, ein wichtiges Anliegen war.

Ich wünsche mir, dass die heutige Veranstaltung, die Preisträger, die Kolleginnen und Kollegen der Geographie dazu beitragen werden, das Ansehen unserer Geographie zu stärken!

Ihnen, den Mitgliedern des Voss-Vorstands, wünsche ich, dass Sie eine solche Unterstützung bekommen.

Mit herzlichen Grüßen und guten Wünschen, Ihr Günter Heinritz“

Die Voss-Stiftung dankt Günter HEINRITZ für seine Treue, auch in schweren Zeiten. Sein Vorbild bestärkt uns in dem Anliegen, die Frithjof-Voss- Stiftung im Sinne des Gesamtfaches Geographie weiterzuführen.

Dr. Heike Christina Mätzing

Stellv. Vorsitzende der Prof. Dr. Frithjof Voss Stiftung – Stiftung für Geographie